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Das Neue Stadtmuseum besitzt eine von einem unbekannten Meister geschnitzte, anmutige Heiligenfigur aus Holz, die auf einem flachen achteckigen Postament steht. Aufgrund des Gewandes, dem empfindlichsten Gradmesser jeden Stilwandels, wird die Figur um das Jahr 1500 datiert. Das Gewand, das früher farbig gefasst war, ist hier ein dekoratives Ornament, das in langen faltenarmen Bahnen glatt bis zu den Füßen herabfällt und ein Reflex des erhabenen Innenlebens der Heiligen darstellt.

Eckige Gewandbrüche befinden sich nur in den Armbeugen und im Hüftbereich, da wo der Umhang gerafft wird. Die Heilige trägt eine Krone als Zeichen des Lohnes für ein gottgefälliges Leben. Ihr Haar fällt in leichten Wellen über die Schultern herab. Ihren Kopf neigt sie etwas zur rechten Seite.

Das edle Gesicht zeigt weiche individuelle Züge. Ein feiner Schleier bedeckt die Kinn- und Wangenpartie. Ihre linke Hand ist leider verloren gegangen, in ihrer rechten hält sie ein geschlossenes Buch, das wohl als Gebetsbuch gedeutet werden kann. Ihre Haltung ist zart bewegt und auf eine frontale Hauptansicht berechnet. Die Heilige strahlt die innere Ruhe und Selbstsicherheit einer im Glauben fest verankerten Person aus.


Die Figur ist ein schönes Beispiel für den fließenden Übergang von der Spätgotik zur Renaissance in Deutschland. Während sich bereits um 1420 in Italien die Renaissance durchsetzt, hat zu dieser Zeit in den übrigen europäischen Staaten die „Internationale Gotik“, auch „Weicher Stil“ oder „Höfischer Stil“ genannt, seine Blütezeit.

Repräsentativ für diese Stilrichtung ist der im späten 14. Jahrhundert ausgebildete Typ der „Schönen Madonnen“. Verbindende Kennzeichen dieses Stils sind die S-förmig geschwungenen schlanken Gestalten mit ihren den Körper umgreifenden Schüsselfalten und das in sich selber stark raumhaltige Gewand. Diese Merkmale sind an der Landsberger Plastik nicht festzustellen. In Deutschland lösen sich die Künstler erst Ende des 15. Jahrhunderts von der mittelalterlichen Gotik und zeigen immer mehr die Stilelemente der Renaissance.

In der Malerei verschwindet der Goldgrund, der mystisch verklärte oder idealisierte Gesichtsausdruck der Figuren wird durch individuelle porträthafte Gesichtszüge ersetzt, die ferne Majestät des Göttlichen wird gemildert. Die langen gotischen Plastiken werden in der Renaissance von Körpern abgelöst, die mit Hilfe von anatomischen Studien erstellt wurden. Um 1500 wirken in Deutschland als herausragende Künstler zeitgleich Matthias Grünewald (1460/80-1528), Albrecht Dürer (1471-1528) und Tilman Riemenschneider (1455/60-1531).

Während die beiden Maler in der Spätgotik wurzeln und durch die Auseinandersetzung mit der italienischen Renaissance, dem Humanismus und der Reformation einerseits spätgotische Elemente vertiefen andererseits auch nach Klassik streben, gilt der Bildhauer und Bildschnitzer Riemenschneider als Hauptmeister der deutschen Spätgotik. Die Nennung der drei Künstler soll die Bandbreite des individuellen Schaffens andeuten und auf die Schwierigkeit hinweisen, Werke unbekannter Meister aus dieser Zeit anhand ihres Stils verlässlich einzuordnen.
Dr. Hans-Jürgen Tzschaschel


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